Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde,
wir feiern Weihnachten. Warum? Weil es so schön ist. So festlich, so beschaulich, so friedlich. Es ist ein Fest der Rituale. Aber nicht nur. Hinter all dem verbirgt sich ein christliches Motiv, eine Erzählung. Die Geschichte von einem unscheinbaren Kind, das, so wird erzählt, der Begründer einer der größten Weltreligionen sei: Jesus von Nazareth.
Im Judentum des 1. Jahrhunderts gab es viele Protagonisten, die sich als Messiasse ausgaben - umgeben von Schülern und Anhängern. Dass die Geschichte von Jesus von Nazareth zur weltweiten Massenbewegung wurde, ist einem genialen Networker zu verdanken: Dem Apostel Paulus. Er begeisterte die Massen. Ihm gelang es, die griechische Philosophie und jüdisch-christliches Denken miteinander zu verbinden. Gott, so predigte Paulus, ist am nächsten denen, die ganz unten stehen und am allernächsten denen, die nichts zählen.
Paulus war ein Meister des Reframings. Jesus wurde, so Paulus, zum wahren Messias nicht deshalb, weil er, wie von den Juden erwartet, das Königreichs Davids wiederherstellte, sondern weil er den Tod am Kreuz erlitt. Das augenscheinliche Scheitern wurde zum Triumph umgedeutet. Im Sinne Jesu. Er selbst rehabilitierte Gescheiterte, Schwache, Ausgestoßene, gesellschaftliche Geächtete.
Ob das, was über die Person Jesus von Nazareth erzählt wird, zutrifft oder nicht, spielt keine Rolle. Es geht nicht um historische Fakten, sondern um die Botschaft. Es geht um das, was geglaubt wird. Oder systemisch: Es geht um das, was konstruiert wird.
Was Paulus andeutet, wird durch Martin Luther „radikalisiert“: Nicht Werke (Ablassbriefe) sind wichtig, nicht heroische Taten. Großzügig erweitert: Nicht Wissen, nicht Beweise. Was allein zählt, ist der Glaube: Sola fide!
Die Sache mit dem Glauben ist für die systemische Welt von Bedeutung. Wer glaubt, weiß nicht, sondern konstruiert und erfindet. Für Christen, die mythologisch denken, ist die Sache mit der Ungewissheit eine Zumutung. Denn damit öffnet man auch dem Zweifel eine Tür.
Für mich als Systemiker ergeben sich daraus einige Erkenntnisse:
- Die Welt, in der ich lebe, ist meine Erfindung. Wissen wird durch Erfahrungen und Interpretation konstruiert. Es gibt keine objektive Abbildung der Welt. Ich weiß nichts über die Menschen, mit denen ich therapeutisch arbeite. Nicht ich verfüge über „Geheimwissen“, sondern meine Klientinnen. In Partnerschaft mit ihnen erfinden wir Lösungen.
- Wahrheit erschließt sich mir durch das Wechselspiel zwischen dem Glauben und dem Zweifeln. Positionen haben nur dann ihre Gültigkeit, wenn man gleichberechtigt die Gegenpositionen zulässt. Die Bewegung zwischen diesen „Welten“ bezeichnete der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel als „Dialektische Bewegung“.
- Gescheiterte, Schwache, Ausgestoßene brauchen meine (unsere) Wertschätzung. Gesellschaftlicher Status ist ein Konstrukt. Er sagt nichts über den Wert eines Menschen aus.
Ich wünsche euch und Ihnen schöne Weihnachten und einen guten Rutsch.
Liebe Grüße
Dieter Salomon
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